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Marathonlauf ohne Frauen?

Kathrine Switzer brachte vor 50 Jahren einen Stein ins Rollen

Koedukation hieß das Schlagwort in den Schulen in den ausgehenden 1960er Jahren: Jungen und MĂ€dchen wurden in gemischten Klassen unterrichtet. Dass das frĂŒher beim Laufsport Ă€hnlich war, kann man sich heutzutage kaum noch vorstellen.

Die oft farbenfrohe Bekleidung und Schuhe der Damen wird seit mehreren Jahren auch fĂŒr die Herren produziert. Es gibt Damen- und Herrenmodelle bei Laufschuhen und –bekleidung. Lauf- und Triathlonzeitschriften bieten Sonderhefte fĂŒr Frauen oder eine Frauensportzeitschrift an. Frauen sind von den Sprintdistanzen bis zu UltralĂ€ufen dabei, auch wenn ihr Anteil mit der Distanz abnimmt.

 

Und ein neuer Trend ist unĂŒbersehbar: FrauenlĂ€ufe boomen bundesweit. Der Hannoversche Frauenlauf www.frauenlauf-hannover.de/ fand zuletzt im August 2016 statt. Unter www.laufshop.de/im-trend-frauenlaeufe/ hatten wir etliche aus dem ganzen Land zusammengetragen, auch weiter entfernt stattfindende, falls Ihr Euch dort ein schönes Wochenende machen wollt.

Vor 50 Jahren brachte die US-amerikanische LĂ€uferin Catherine Switzer ohne feministische Absichten einen Stein ins Rollen. Bis dahin meinten damaligen„Experten“, ein Marathonlauf wĂ€re eine zu große Belastung fĂŒr Frauen.

Switzer, eine 20jĂ€hrige Studentin, meldete sich als K.V. Switzer, Syracuse Harriers, zum 71. Bostonmarathon im April 1967 an und erhielt die Startnummer 261. Als der stellvertretende Rennleiter Jock Semple sie als Frau unter den 772 MĂ€nnern entdeckte, versuchte er sie an der zwei-Meilen-Marke aus dem Rennen zu zerren und schubsen. Das misslang, und so finishte Switzer nach 4:20 Stunden als erste offiziell gemeldete Frau einen Marathonlauf – und wurde disqualifiziert.

Foto 1967 © Boston Herald

Ein Jahr spĂ€ter, im Oktober 1968, war der Schwarzwald Marathon der erste Marathon weltweit, zu dem Frauen ganz offiziell zugelassen waren. Am 8.10.2017 feierte der zeitweise teilnehmerstĂ€rkste Marathon ĂŒbrigens seine 50. Auflage.

Switzer war nicht die erste, die es versuchte. Schon 1966 absolvierte die Amerikanerin Roberta Bingay den Boston Marathon, als sie heimlich aus einem Busch gestartet war. 1967 war Roberta Gibb heimlich in Boston dabei und lief nach handgestoppten 3:30 Stunden ins Ziel. Der Laufreport.de-Kolumnist Werner Sonntag berichtet einer zeitgenössischen Quelle. Danach habe eine Frau namens Melpomene eine Woche vor dem ersten Marathon im Jahre 1896 die Strecke in 4:30 Stunden zurĂŒckgelegt. Einen Tag nach dem Marathon habe es ihr eine 35jĂ€hrige Griechin gleichgetan und eine Stunde mehr benötigt.

Switzer bewies sich in den darauffolgenden Jahren als erfolgreiche LĂ€uferin. Sie bestritt 39 Marathons und gewann unter anderem den New York City Marathon. „Was vor 50 Jahren ein dramatischer Vorfall war, wurde letztendlich zu einem richtungsweisenden Moment – fĂŒr mich und fĂŒr LĂ€uferinnen auf der ganzen Welt. Das Ergebnis sorgte fĂŒr eine soziale Revolution: heute laufen in den USA mehr Frauen als MĂ€nner“, sagte Switzer rĂŒckblickend.

1972 waren erstmals Frauen als Teilnehmerinnen offiziell beim Bostonmarathon willkommen. Damals lief Kathrine Switzer auf Rang drei. „Wir freuen uns sehr Kathrine wieder aktiv im Rennen begrĂŒĂŸen zu dĂŒrfen, genau dort, wo der Ursprung der Frauenlaufsport Bewegung liegt“, erklĂ€rte die B.A.A. PrĂ€sidentin Joann Flaminio dazu. „Sie war und ist eine mutige Frau und es ist uns eine große Ehre sie anlĂ€sslich dieses geschichtstrĂ€chtigen JubilĂ€ums im Ziel in Empfang nehmen zu dĂŒrfen.“

Sie baute in den 1970er Jahren die AVON Frauenlaufserie mit 400 Rennen in 29 LĂ€ndern auf. Damit trug sie dazu bei, dass der Frauenmarathons olympisch wurde. Bei den Spielen 1984 wurde erstmals eine Marathon-Olympiasiegerin geehrt. Switzer war TV-Kommentatorin im Stadion von Los Angeles, als die Schweizerin Gabriela Andersen-Schiess dehydriert ins Ziel kam. Sie hatte den letzten GetrĂ€nkestand verpasst und in der Hitze die Kontrolle ĂŒber ihren Körper verloren. FĂŒr die letzten 500 Meter benötigte sie sieben Minuten. Zum GlĂŒck hatte dieses Drama keine negative Folgen fĂŒr die Frauen.

FĂŒr die heute 70jĂ€hrige Kathrine Switzer  gibt es noch genug zu tun. Sie grĂŒndete im Jahre 2015 das Netzwerk „261 Fearless“, das Frauen weltweit miteinander verbindet, LĂ€uferinnen und Walkerinnen.

Die fehlende Ecke am Logo symbolisiert die Ecke, die Jock Semple 1967 aus Switzers Startnummer gerissen haben soll.

50 Jahre nach dem „Skandal“ ging Switzer mit ihrer historischen Startnummer 261 beim 121. Bostonmarathon im April 2017 wieder an den Start, als eine von 13.705 Frauen. Begleitet wurde sie rund 100 Frauen und sieben MĂ€nner aus 20 Nationen, die fĂŒr Switzer’s 261 Fearless Non Profit Organisation Spenden gesammelt hatten. Damit wurden weltweit lokale 261 Fearless Frauen-Laufclubs aufgebaut, Lauf-Betreuerinnen ausgebildet und soziale Laufprogramme unterstĂŒtzt.

Switzer finishte 2017 in 4:44:31 Stunden, einer Ă€hnlichen Zeit wie 50 Jahr zuvor. Die beiden letzten LĂ€uferinnen, die gehend das Ziel erreichten, gehören dem 261 Fearless Club an. ErklĂ€rtes Ziel: die Freude am Laufen zu fördern. „261 war gerade einmal eine Zahl, fĂŒnfzig Jahre spĂ€ter ist es eine Bewegung“, sagte die Journalistin Switzer. Clubs gibt es auch in Kanada, Brasilien, Großbritannien, Malta oder Albanien.

Mehr erfahren:

Marathonlauf 1896, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Marathonlauf; Koedukation, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Koedukation

AusfĂŒhrlich in www.welt.de/sport/article163731962/So-eskalierte-der-erste-Marathon-einer-Frau-vor-50-Jahren.html?wtrid=socialmedia.socialflow….socialflow_facebook, Veröffentlicht am 16.04.2017

Interterview in www.runnersworld.de/marathon/eine-frau-boxt-sich-durch.479604.htm?utm_source=newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=20170612

Von Kathrin Switzer: http://kathrineswitzer.com/

Autobiografie: Kathrine Switzer, Marathon Woman. Die Frau, die den Laufsport revolutionierte, Dtsch. v. Gesine Strempel, Spomedis-Vertlag 2011

Die Boston Athletic Association, gegr. 1887: www.baa.org

261 Laufclubs: www.261fearless.org

DIE ZEIT, 14/1996 v. 29.3.1996, www.zeit.de/1996/14/Hundert_Jahre_und_42_195_Kilometer/seite-3

http://laufreport.de/kolumnen/sonntag/sonntag.htm

www.joggen-online.de/Lauftraining/Frauen-und-Laufen/Laufschuhe-fuer-Frauen-1401

BĂŒcher wie z.B.:

Dagny Scott, Das große Laufbuch fĂŒr Frauen: Schlank, fit und mehr Power durch Bewegung, Tibiapress 2001

Samantha Murphy, LaufGuide speziell fĂŒr Frauen, BLV-Verlag 2004

Holle Bartosch, Frauen laufen anders: Ihr Laufbuch fĂŒr mehr mehr Anmut und Kraft, eine schöne Figur, GlĂŒck und Genuss, Econ-Verlag 2005

Herbert Steffny, Birgit Friedmann, Markus Keller, Marathontraining fĂŒr Frauen: Optimal vorbereitet – auch fĂŒr den Halbmarathon, SĂŒdwest-Verlag Oktober 2006

Thomas Steffens, Martin GrĂŒning, Laufbuch fĂŒr Frauen, Rowohlt-Verlag 2007

Barbara und Jeff Galloway, Halbmarathon fĂŒr Frauen – Das Erfolgsprogramm, Meyer & Meyer-Verlag 2013

Jörg Birkel und Doreen Reymann – Der Lauf-Guide fĂŒr Frauen. Das maßgeschneiderte Trainingskonzept, neue Aufl. BLV-Verlag 2016

Petra Regelin, Hanteltraining fĂŒr Frauen. Den Körper formen · Die Muskeln stĂ€rken, BLV-Verlag 2016

FrĂ©dĂ©ric Delavier, Muskel Guide fĂŒr Frauen. Gezieltes Krafttraining – Anatomie, 4. Aufl. BLV-Verlag 2016

Alle links wurden im April und Oktober 2017 abgerufen.

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