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Renate Hofmanns setzt neue MaßstĂ€be im 100 km-Lauf

Wunstorferin in Leipzig mit neuem Weltrekord auf der Langstrecke

Renate Hofmann hatte im vergangenen Jahr mit 143,505 km in Stadtoldendorf einen neuen Deutschen Rekord im 24-Stunden-Lauf aufgestellt (Dets berichtete auf www.laufshop.de | Sportler). Sie verlor die Bestmarke jedoch in diesem Jahr an die ein Jahr jĂŒngere Sigrid Eichner (100 Marathon Club).

Hofmann gewinnt 24-Stundenlauf

Im August hatte Renate ihre Premiere auf der 100 km Strecke und nahm am 21. Leipziger Auenlaufes teil. Da der Deutsche Leichtathletik-Verband in diesem Jahr die DM ĂŒber 100 km ausgesetzt hat, sprang die Deutsche Ultramarathon-Vereinigung (DUV) ein, und schrieb Leipzig als 100 km-Challenge aus, sodass die DM doch ausgetragen werden konnte.

Bei sehr guten Ă€ußeren Bedingungen starteten 137 LĂ€uferinnen und LĂ€ufer(103 im Ziel) auf der 100-km-Strecke. Weitere 91 (86 im Ziel) nahmen die 50 km in Angriff. Sorgen bereitete dem Ausrichter das schlechte Wetter im Vorfeld: Bis wenige Stunden vor dem Start goss es wie aus Kannen, sodass die bereits am Vorabend prĂ€parierte Strecke noch einmal markiert und zwei mittelgroße Seen trockengelegt werden mussten. Die NiederschlĂ€ge hatten manchen gemeldeten LĂ€ufer daheim bleiben lassen. Doch der Lauf ging regenfrei und bei angenehmen 20 Grad ĂŒber die BĂŒhne. Der 10 km-Rundkurs gilt als flach und schnell gilt, insgesamt 150 Höhenmeter mĂŒssen ĂŒberwunden werden.

FĂŒr den Paukenschlag sorgte Renate Hofmann: Die 71-jĂ€hrige Athletin unterbot mit 11:52:43 h den Weltrekord der Altersklasse W70 um fast eine Stunde. Die alte Bestleistung von 12:50:49 h hielt seit 1993 von der US-Amerikanerin Helene Kleine. Dabei war Renate Hofmann im Vorfeld sehr skeptisch, ob es ihr bei ihrem ersten 100er ĂŒberhaupt gelingen wĂŒrde, innerhalb des 13-Stunden-Limits ins Ziel zu kommen.

Sie berichtet:„Angereist war ich am Freitag und war recht nervös, weil der NDR filmen wollte. Das hatte sich ganz zufĂ€llig ergeben. Kameramann David, der mich schon beim Hannover-Marathon im Mai gefilmt hatte, rief mich am Donnerstag und erkundigte sich nach meinem Befinden und PlĂ€nen. Als ich ihm von dem kommenden Lauf erzĂ€hlte, war er gleich Feuer und Flamme und erreichte beim NDR die Genehmigung, nach Leipzig zu kommen. Ich hatte ihn aber gleich gewarnt, dass ich nicht wĂŒĂŸte, ob ich den Lauf ĂŒberhaupt durchstehen wĂŒrde.

Nach einer kurzen Nacht musste gegen 4.00 Uhr aufgestanden werden, da der Start um 6.00 Uhr erfolgte, und wir nach dem kleinen FrĂŒhstĂŒck noch einen Fußweg von ca. 2 km vom Hotel zum Stadion hatten. Ich fĂŒhlte mich an dem Morgen gut ausgeschlafen und anders als am Vortag vollkommen ruhig. Nachdem es in
der Nacht recht heftig geregnet hatte, war der Morgen zwar kĂŒhl, aber die Temperatur fĂŒr uns LĂ€ufer okay.

Nun stand ich mit rund 160 anderen 100-km-LĂ€ufern am Start und dachte: Renate, wie weit mögen dich deine FĂŒĂŸe heute wohl tragen? Da ich in diesem Jahr im Training nie mehr als 30 km am StĂŒck gelaufen war (außer dem Marathon im Mai in Hannover und einer Deisterwanderung mit ca. 40 km) hatte ich keine Ahnung, was mich an diesem Tag erwarten wĂŒrde. Eines war mir allerdings klar: Sehr, sehr langsam die ersten Runden (eine Runde waren immer 10 km) angehen.

In dem anfangs noch dichten Feld habe ich mich hier und da mit den MitlÀufern unterhalten und schon nach kurzer Zeit einen netten Mann getroffen, der mein Tempo lief.

Bis km 50 (hier musste er leider aussteigen, da er nur fĂŒr den „BambiniLauf“ ĂŒber 50 km gemeldet war) sind wir plaudernd zusammen geblieben. Durch unsere angeregte Unterhaltung sind diese Kilometer sehr rasch vergangen und ich war erstaunt, bereits nach etwa 5:35 Stunden die HĂ€lfte der Strecke erreicht zu haben. Aber die HĂ€lfte bedeutet bei so einem Lauf noch nicht allzuviel. Bis jetzt fĂŒhlte ich mich noch kein
bisschen mĂŒde oder erschöpft.
Dies sollte in den nachfolgenden Kilometern auch nicht viel anders werden. Sicher, die Beine werden schon ein wenig schwerer. Aber wenn der Kopf sagte: Lauft weiter, so haben sie immer gehorcht.

Als es auch bei km 70 immer noch gut lief, fing mein Kopf ein wenig an zu rechnen. Mir war bekannt, dass der Deutsche Rekord irgendwo bei 13:30 Stunden und der Weltrekord bei 12:50 Stunden lag. Sollte es mir wirklich gelingen, einen WR zu laufen? An so eine  Möglichkeit hatte ich bis dahin keinen Gedanken verschwendet. Ich hatte immer nur die vorgegebene Zielzeit von 11:30 Std. nach 90 km vor Augen. Wenn man die nicht erreicht, wird man aus dem Rennen genommen.

Aber es lief weiterhin gut und ich hatte keinen, wie man so sagt, DurchhÀnger. Meine Rundenzeiten lagen ab km 50 alle zwischen 1:13 und 1:16 Std. Inzwischen war auch der Moderator auf mich als 70-jÀhrige aufmerksam geworden und ich wurde in jeder Runde im Stadion jubelnd empfangen. Das gab mir jedes Mal einen gewaltigen Aufschwung!

Km 80 nach 9:20 Std. erreicht – nun hieß es nur noch durchhalten, was mir aber, man mag es kaum glauben, nicht sonderlich schwer fiel. Ich hatte mir die letzten noch zu laufenden 20 km gedanklich in 4 x 5 km aufgeteilt. Und was sind schon 5 km?? Die lĂ€uft man doch schnell ab. Und so war es dann auch. Sicher, so frisch wie am Morgen war ich natĂŒrlich nicht mehr und der Kopf musste die Kommandos an die Beine schon einige Male wiederholen. Aber dann, nach 11:52:43 Stunden war ich 100 km gelaufen!! Ich hatte es geschafft!! Unter großem Jubel lief ich ins Stadion ein und viele Leute kamen zum Gratulieren. Es war ein unbeschreibliches GlĂŒcksgefĂŒhl. Ich, die Oma aus Wunstorf, war 100 km gelaufen!

Ich konnte es kaum glauben. So richtig realisiert habe ich es auch erst am nĂ€chsten Tag. Zum Zeitpunkt des Zieleinlaufes war niemandem im Stadion bewusst, dass ich sowohl den Deutschen als auch den Weltrekord pulverisiert hatte. Man hatte mir ausschließlich meines Alters wegen zugejubelt. Erst aufgrund meiner Vermutung brachte der Veranstalter vor Ort telefonisch in Erfahrung, dass ich den Deutschen Rekord eingestellt hatte. Das mit dem WR konnte an dem Abend in Ermangelung eines Internetanschlusses nicht geklĂ€rt werden und erschien dann erst am folgenden Tag in den Berichten.“

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